politische Korrektheit

Der ‚Antifaschismus‘

Ich erinnere mich, wie in den späten Achtzigerjahren manchmal alte Damen und Herren in Kneipenhinterzimmern vor jungen Leuten von ihrer Heldenzeit berichteten. Die Heldenzeit: die Zeit ihres antifaschistischen Kampfes gegen das Naziregime. Das junge Publikum war mehr oder weniger einer ‚Szene‘ zuzurechnen; die Organisatoren entstammten Parteien wie den Grünen, der DKP, der SPD oder den Jusos oder Gruppen wie der VVN/BdA, der SDAJ und Gewerkschaften.* Eine in ihrem Selbstverständnis ähnliche Szene existiert offenbar auch heute. Das ist merkwürdig, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Szene der Achtzigerjahre an dem Ost-West-Konflikt ‚abarbeitete‘. Allerdings bestehen Konstanten bis heute, die vor allem das Bild von den USA und ihrer Rolle in der Welt betreffen. Pars pro toto sei hier diese Szene (die natürlich kein geschlossener Block ist und unscharfe Ränder aufweist) „Antifa“ genannt. Sofern Angehörige der Antifa aktuell auch die AFD als ihren Feind betrachten, scheint die kriminelle Energie beträchtlich zu sein, wie aktuelle Ereignisse zeigen.**

Was prägt diese Szene? Kurz gesagt: Der Feind wird ‚rechts‘ ausgemacht. Was unter „rechts“ fällt, ist die Frage. Was als ‚rechts‘ verstanden wird, dürfte die Motivation der Antifa von ihrem Selbstverständnis her schon erklären: Wir wissen, wie verbrecherisch der Nationalsozialismus war. Und wir neigen dazu, jede Opposition gegen den Nationalsozialismus von den Dreißigerjahren bis 1945 als mutig, sogar heldenhaft, zu betrachten. In der Tat sind die Widerständler ja große Risiken eingegangen und haben viele mit dem Leben bezahlt. Das gilt unabhängig von der Frage, welche Widerständler ‚demokratischer Gesinnung‘ waren. Den Mut schreiben wir gleichermaßen Stalinisten, konservativen Adligen, Theologen wie klar denkenden Studenten zu.

Antifa-Angehörige stellen sich heute offenbar in die Tradition von Widerständlern zur Zeit des Nationalsozialismus. Oder wenigstens: Antifa-Angehörige sehen sich in einem Kampf ‚gegen rechts‘. Und was sie als ‚rechts‘ kategorisieren, sehen sie in einer Verwandtschaft zu dem Nationalsozialismus, gegen den ihre Helden einst Widerstand leisteten. Dadurch werden zwei Kategorien in eine Nähe zueinander gerückt:

  • die ‚Rechten‘ von einst in die Nähe der ‚Rechten‘ von heute
  • die Widerständler von einst in die Nähe der Antifa von heute

Die Nähe der Antifa von heute zu den Widerständlern von einst wird wiederum mit einer Nähe der ‚Rechten‘ von heute zu den ‚Rechten‘ von einst gerechtfertigt. Dementsprechend greifen heutige ‚Antifaschisten‘ ja immer wieder gern den Spruch auf: „Wehret den Anfängen!“ Die ‚Anfänge‘ werden heute in dem ausgemacht, was heute als ‚Rechte‘ begriffen wird. Sofern die Parallele zwischen ‚Rechten‘ damals und ‚Rechten‘ heute gerechtfertigt ist, darf man sich in seiner Opposition gut fühlen. Das Antifa-Mitglied scheint in der Nachfolge der Helden von einst – der Geschwister Scholl, der Edelweißpiraten u.a. – zu stehen.

Ein heutiger ‚Antifaschist‘ ist in der Regel ein wohlgenährtes Kind von Kindern der Bundesrepublik. Er kennt seine Helden aus dem Fernsehen oder aus Büchern. Und längst steht er auch nicht mehr einem ‚Establishment‘ gegenüber, das Tendenzen zur Verschleierung irgendwelcher Nazi-Vergangenheiten aufweist, wie man es noch in den Achtzigerjahren häufiger vorfand. Beispielsweise der Gymnasiast von heute wird in seinem ‚Antifaschismus‘ von seinen Lehrern ermutigt. Er sitzt in einem gemachten Nest. Das unterscheidet ihn auf jeden Fall von einstigen Kämpfern – von den Widerständlern zur Zeit des Dritten Reiches hinsichtlich Mut und Risikobereitschaft; und sogar von Studenten der Sechzigerjahre hinsichtlich intellektueller Opposition. Aber hat er nicht trotzdem Recht? Können wir nicht froh sein, wenn Aktivisten nicht mehr einem Establishment gegenüberstehen, sondern als Engagierte oder Ehrenamtliche reichlich Unterstützung ‚von oben‘ erfahren?

Denken wir einmal über diese Parallelisierung von Kategorien nach:

Widerständler früher Antifa heute
gegen gegen
‚Rechte‘ früher ‚Rechte‘ heute

 

Nach einem traditionellen Verständnis haben Begriffe jeweils einen Inhalt (Intension) und einen Umfang (Extension). Aus der Intension geht hervor, welche Bedingungen etwas erfüllen muss, um unter den betreffenden Begriff zu fallen. Zum Beispiel was den Begriff „Junggeselle“ betrifft: die Bedingung unverheiratet zu sein. Die Extension umfasst genau diejenigen Gegenstände, die unter den Begriff fallen. Mit Bezug auf den Begriff „Junggeselle“: zum Beispiel der Student Emil, der männlich und unverheiratet ist. (Für Alltagsbegriffe wie „Junggeselle“ ergeben sich allerdings einige Schwierigkeiten, die in der sprachwissenschaftlichen wie in der philosophischen Literatur diskutiert wurden. Man bedenke, dass der Papst – obwohl männlich, erwachsen und unverheiratet – ein merkwürdiges Beispiel für einen Junggesellen wäre. Dennoch ist die Anwendung der Unterscheidung zwischen Extension und Intension auf Alltagsbegriffe nicht völlig unsinnig. Sogar Jargon-Ausdrücke sollten auf diese Weise ein wenig beschreibbar sein, wenn sie zur Aussagekraft von Äußerungen beitragen.)

Eine der interessantesten Beobachtungen bezüglich dieser alten Unterscheidung wurde zu Beginn der Siebzigerjahre etwa zur selben Zeit von zwei Philosophen gemacht, nämlich von Saul Kripke und von Hilary Putnam:

Was ist Wasser? Wohl haben wir Kriterien, derentwegen wir manches Zeug als Wasser begreifen, und wir haben Beispiele für Wasser. Dennoch könnte es sein, dass von zwei Quäntchen eines nach unserer Wahrnehmung völlig gleichartigen und bei Zimmertemperatur flüssigen Stoffes das eine Wasser ist und das andere nicht. (Putnam bemüht ein Gedankenspiel, in dem es eine Zwillingserde gibt, auf der das, was deren Bewohner „Wasser“ nennen, tatsächlich nicht H2O, sondern etwas anderes, XYZ, ist.) In unserem Alltagsverständnis von „Wasser“ spielt wahrscheinlich nicht nur eine Rolle, was wir über dasjenige Zeugs wissen, das wir „Wasser“ nennen, sondern auch Folgendes: Wir glauben, dass es eine Art ‚Mikrostruktur‘ gibt, die genau dem zukommt, was unter den Begriff „Wasser“ fällt. Mehr oder weniger ist Experten diese Mikrostruktur bekannt (vgl. auch Holly Vande Wall: „Natural Kinds of Chemistry“). Unser Alltagsbegriff von Wasser beinhaltet u.a. diesen Glauben daran, dass es solche mehr oder weniger bekannten oder verborgenen Strukturen gibt, nicht, um welche Strukturen genau es sich dabei handelt.

Woher wissen wir etwas über diese mehr oder weniger bekannten Strukturen? Wir finden etwas über die ‚verborgenen Strukturen‘ heraus, indem wir Wasser erforschen, also: indem wir Beispiele für Wasser untersuchen. Damit geraten wir in einen merkwürdigen Zirkel: Wir müssen Wasser untersuchen, um herauszufinden, ‚was Wasser ist‘. Das setzt jedoch voraus, dass wir jeweils Wasser untersuchen und nicht etwas anderes. Offenbar haben wir eine Art Vorverständnis. Aber ein genaueres Verständnis erlangen wir erst, indem wir uns – ausgehend von dem Vorverständnis – die Wirklichkeit genauer ansehen. Diese Einsichten wurden nicht nur für chemische Stoffe berücksichtigt, sondern sogar auch für Kategorien wie „Frau“ und „Mann“ (allerdings oft mit einer gendertheoretischen Zielrichtung, vgl. Arbeiten von Sally Haslanger).

In den späten Achtzigerjahren las ich zeitweise gerne Schriften von Heidegger. In einer Diskussion mit Angehörigen der Antifa belehrte mich ein Juso: „Aber er war ein Nazi!“ Als ich etwas später in einem Studentenwohnheim immer noch gerne auf Äußerungen Heideggers Bezug nahm, warf mir ein Student vor, ich sei ein Nazi. Nazi – was ist das für eine merkwürdige Kategorie? Mir scheint, dass für diesen Begriff aus dem Sozialen, aus der Gruppierung von Menschen durch Menschen, etwas von den Lehren Putnams relevant ist:

Für die Ausdrücke „Junggeselle“ und „Flüchtling“ ist am klarsten, dass die Bedingungen dafür, dass etwas jeweils korrekt mit ihnen zu bezeichnen ist, durch Konventionen bestehen: Es liegt an unseren Sprachregeln, dass Junggesellen unverheiratete Männer sind und dass jemand, der von Österreich nach Hamburg fährt, um seinem Neffen einen Geburtstagsbesuch abzustatten, nicht buchstäblich nach Hamburg flieht und insofern kein Flüchtling ist. Was korrekt mit dem Ausdruck „Wasser“ zu bezeichnen ist, hängt demgegenüber nicht nur von Sprachregeln ab. Wenn ein Chemiker etwas ganz Neues über Wasser herausfindet, kann dies dazu führen, dass einiges zuvor als Wasser Kategorisierte nun nicht mehr unter den Begriff „Wasser“ fällt! Hier hängt das Verständnis von „Wasser“ auch von Erkenntnissen über die Welt ab, nicht nur von sprachlichem Wissen. Ausdrücke wie „Mann“ und „Frau“ sind in dieser Hinsicht ein Streitfall. Wie steht es nun um „Nazi“? Man wird zugeben, dass, ob Herr Müller 1933 ein Nazi war, nicht nur vom Parteibuch abhängt. Er mag in die Partei eingetreten sein, weil dies in der damaligen Situation – warum auch immer – ein Dienst für demokratische Belange war oder Verfolgten das Leben retten half, also gerade weil er kein Nazi war. (Spione können dieser Art sein.) Der Glaube an bestimmte Rassetheorien ist sicher ein Kandidat für ein Kernmerkmal eines Nazis, aber keine hinreichende Bedingung. Wie auch immer: Was ein Nazi ist, ist in hohem Maße ein Ergebnis historischer Forschungen, weniger eine bloße Definitionsfrage! In dieser Hinsicht verhält sich der Begriff „Nazi“ eher wie der Begriff „Wasser“ als die Begriffe „Junggeselle“ oder „Flüchtling“.

Umso merkwürdiger ist, wie sicher, geradezu apodiktisch, Angehörige der Antifa heutige Menschen als Nazis einordnen. Noch vager als die Bedeutung von „Nazi“ ist natürlich das heute so beliebte „rechts“, das sich in allerlei Zusammensetzungen mit „gegen rechts“ wiederfindet wie „Rock gegen rechts“ und „Fußball gegen rechts“. Um die Brauchbarkeit mancher Begriffe für eine Beschreibung politischer Strömungen steht es offenbar schlecht. Aber alle machen mit, wenn es darum geht, ‚gegen rechts‘ zu sein. In manchen Fällen handelt es sich um unstrittig berechtigte Anliegen, etwa wenn Lehren über eine arische Rasse und arisches Blut verbreitet werden. In meinem Leben habe ich jedoch bisher persönlich nur Migranten aus dem Iran ganz arglos sagen hören, sie seien wie die Deutschen arisch. Was größere politische Strömungen unter Menschen deutscher Herkunft angeht, besagt die Einordnung als rechts womöglich mehr über diejenigen, die diese Einordnung vornehmen, als über diejenigen, die so eingeordnet werden.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass Menschen, die in Deutschland heute Symbole oder sprachliche Phrasen des Nationalsozialismus verwenden, vor allem aus Trotz handeln: Das einzige Thema, dessen Behandlung im Geschichtsunterricht heute jedem deutschen Schüler garantiert ist, ist der Nationalsozialismus. Die Schüler wissen längst, welche ‚antirassistische‘ Grundhaltung man von ihnen erwartet. Da oft der Kontext fehlt (Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Imperialismus, Rasseideologien, Antisemitismus, …), fehlt die Kenntnis historisch relevanter Kategorien: „Hitler … der war gegen Ausländer.“ „Hitler hat die Juden umgebracht.“ Und: Mit Hakenkreuzen kann man wirklich noch öffentlich provozieren, jedenfalls erheblich mehr als mit primären Geschlechtsmerkmalen. Was besagt also heute ein Hakenkreuz an einer Wand? Als Kandidat für einen Ausdruck von Trotz kommt es heute mindestens so gut in Frage wie ein Ho-Chi-Minh-Bild in der elterlichen Wohnung 1969. Die Verwendung von „Nazi“ und „rechts“ macht den Eindruck, als folgerte man aus der Gleichheit von Wörtern früher und heute die Gleichheit von Begriffen früher und heute, ohne sich um die Relevanz der veränderten Welt zu kümmern. Tatsächlich ist die originale Extension von „Nazi“ größtenteils verstorben. Ein Begriffsinhalt bleibt unklar; sicher bestehen im gängigen Verständnis mehr oder weniger zentrale Merkmale für einen Nazi, wobei die Relevanz historischer Bezüge besonders unklar ist. Klarer dürfte sein: Eine Szene von ‚Antifaschisten‘ existiert heute, weil eine Kategorisierung als ‚rechts‘ existiert. Und unter „rechts“ fällt manches, was ‚Linken‘ nicht gefällt. Ästhetik spielt dabei eine Rolle. Jemand mit gescheiteltem Haar, Anzug und Krawatte sieht ‚spießig‘ aus … und ‚rechts‘. Auch die mit Recht gescholtene politische Korrektheit fällt im weiteren Sinne unter eine Ästhetik. Allgemein ist sie mit anderen Merkmalen erwünschter Ästhetik an die Stelle von Argumentationen – sagen wir allgemeiner und pathetischer: der Wahrheitsfindung – getreten. Reflexion über Sprache betrifft in linken und Antifa-Kreisen allzu häufig Fragen nach dem moralisch nicht Erwünschten, z.B. nach Ausgrenzung – Beispiele sind die Ausdrücke „behindert“ und nun auch „Flüchtling“ (vgl. meinen Eintrag https://cellediefreieseite.wordpress.com/2016/08/24/luegenpresse-nein-aber/). Diskussionen über erwünschten oder nicht erwünschten Sprachgebrauch haben ganz besonders die ‚Erziehungswissenschaften‘ geprägt. Theorien über das Definieren oder das Explizieren und über Wahrheitsbedingungen hingegen sind an Schulen meistens nicht einmal bekannt. Die Lehrerbildung kennt dergleichen nicht. Ein Fach Philosophie befasst sich größtenteils mit Ethik und ‚Sinnfindung‘.

Der Versuch, mit Hilfe von Sprachveränderung die Welt zu verbessern, erinnert übrigens an Sprachbeeinflussungen in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Ist der Gedanke abwegig, dass in einigen Eigenschaften der heutige Antifa-Vertreter den Faschisten der Zwanziger- und Dreißigerjahre näher ist als der heutige ‚Rechte‘? Man denke zum Beispiel an den für Faschismen wohl prägenden ‚Ordnungswahn‘ (vgl. Niels Gutschow: „Ordnungswahn. Architekten planen im ‚eingedeutschten Osten‘ 1939-1945“). attac-Mitglieder berichteten mir allen Ernstes, zu Haus am Wohnzimmertisch eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung entworfen zu haben.

(aus https://cellediefreieseite.wordpress.com/2016/09/12/der-antifaschismus/)

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