Islam

Mit vollem Mund spricht man nicht

Begegnungen zwischen Kulturen

Worin besteht Begegnung zwischen Kulturen?

Gerne werden Events veranstaltet, in denen Angehörige verschiedener Kulturen miteinander kochen und essen, Fußball spielen oder Musik machen. Das macht Spaß, niemand wird etwas dagegen einzuwenden haben. Auf diese Weise wird kein Konflikt entstehen. Mehr noch: Es ist auch eine Methode, keinen Konflikt aufkommen zu lassen.

Kontakt relevanterer Art erlebte ich vor über einem halben Jahr: Ich saß mit ein paar Cellern und einigen Migranten aus Syrien in einem Celler Restaurant. Und es geschah, was wahrscheinlich niemand gewollt hatte, am wenigsten die anwesenden Syrer: Das Gespräch kam auf Religion. In manchen Kontexten ist das geradezu untersagt. Man will Konflikte vermeiden. Hier nun geschah es, und recht schnell waren wir ‚mitten drin‘. Ich wurde mit etwas konfrontiert, das ich vorher noch nie erlebt hatte und seither „Buchglauben“ nenne. (Man spricht ja auch von „Buchreligionen“.) Eine Akademikerin argumentierte folgendermaßen: Im Koran sei eine zutreffende anatomische Beschreibung enthalten, die zur Zeit ihrer Entstehung nicht durch anatomische Forschung am Objekt entstanden sein könne. Sie müsse daher auf eine Art göttlicher Offenbarung zurückzuführen sein. Wenn ich es richtig verstanden habe, sollte dies auch ein Argument dafür sein, dass der Koran nur wahre Aussagen enthalte. Ein Gesprächspartner wies darauf hin, dass derartige anatomische Aussagen auch zur damaligen Zeit durchaus auf Forschungen am Objekt zurückzuführen sein könnten. Die Argumentation der Syrerin begegnete mir ähnlich auch später im Gespräch mit Afghanen. Daher vermute ich, dass sie eine Art Lehrmeinung aus Schulen wiedergibt. (In der Tat habe ich Ähnliches in einer Website ‚Islam-Guide‘ gefunden.)

Für mich ist daran Folgendes interessant: In letzter Zeit wurde manchmal auf eine fehlende ‚Aufklärung‘ in den Gegenden, in denen der Islam der vorherrschende Glaube ist, hingewiesen. Und sehr schnell folgten – differenzierende und vielleicht als ‚politisch korrekt‘ zu charakterisierende –  Hinweise auf Denker oder Denkweisen, die gegen dieses Urteil sprächen.

Dabei ist zu bedenken, dass „Aufklärung“ ein Wort ist, mit dem recht vage Geistesströmungen des 18. Jahrhunderts bezeichnet werden, die zum Teil nur in Familienähnlichkeiten zueinander stehen*. Hervorgehoben wird meistens Toleranz als Wert. Zudem wird gerne auf eine Notwendigkeit hingewiesen, Texte auszulegen. Was sehr oft vergessen wird, ist der Empirismus, der vor allem durch John Locke und David Hume Eingang in die neuzeitliche Philosophie fand. Er ist ein philosophisches Pendant zu einer Selbstverständlichkeit naturwissenschaftlicher Praxis, die mir besonders nachdrücklich vor 30 Jahren von meiner Chemielehrerin vermittelt wurde: die Abfolge

–              Versuch

–              Beobachtung

–              Deutung

Atome, Moleküle, Ionen, … sind theoretische Gegenstände, die wir nicht so wahrnehmen, wie man ein Reagenzglas, ein Leuchten, einen Knall oder einen Geruch wahrnimmt. Und die Theorien, die uns in der Chemie mehr oder weniger selbstverständlich geworden sind und u.a. in Reaktionsgleichungen angewandt werden, müssen sich anhand von Beobachtungen bewähren bzw. (das wäre Poppers strengere Bedingung) dürfen nicht durch Beobachtungen widerlegt werden, sollen aber grundsätzlich widerlegbar sein.

Darauf beruht ein großer Teil nicht nur der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, sondern auch des mit ihr verbundenen technischen Fortschritts. Es ist aus meiner Sicht gefährlich, einen ‚Buchglauben‘ in der schulischen und in der universitären Lehre zu tolerieren, jedenfalls dann, wenn er der Überprüfung wie der Hypothesenbildung anhand von Beobachtungen im Wege steht. Darüber würde ich gerne sprechen. Und darüber, dass es merkwürdig ist, wenn einerseits eine Lehrmeinung aus anderen Kulturen der Methodenlehre des hier etablierten naturwissenschaftlichen Unterrichts wie einer anderen bloßen Lehrmeinung gegenübergestellt wird und andererseits in aller Welt gerne auf einen hiesigen Forschungsstand zurückgegriffen wird.

 

 

 

 

*Zum Begriff der Familienähnlichkeiten hier das berühmte Zitat aus Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“:

„66. Betrachte z. B. einmal die Vorgänge, die wir ‚Spiele’ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: ‚Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‚Spiele’’ – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! – Schau z. B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über: hier findest du viele Entsprechungen mit jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn wir nun zu den Ballspielen übergehen, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber vieles geht verloren. – Sind sie alle ‚unterhaltend’? Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oder gibt es überall ein Gewinnen und Verlieren, oder eine Konkurrenz der Spielenden? Denk an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. Schau, welche Rolle Geschick und Glück spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel und Geschick im Tennisspiel. Denk nun an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der anderen Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen.

Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.“

(https://cellediefreieseite.wordpress.com/2016/09/04/mit-vollem-mund-spricht-man-nicht-begegnungen/ )

 

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