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Tyrannei der Mehrheit

Dass eine vorherrschende Meinung Inhalt einer Art Tyrannei werden kann, ist sehr naheliegend. Denn eine derartige Tyrannei bedarf nicht einer ‚Machtergreifung‘ oder eines Putsches. Wir haben von früh auf gelernt, darauf Acht zu geben, dass nicht ein Diktator ‚die Macht ergreift‘. Demgegenüber könnte der Gedanke an eine ‚Tyrannei der Mehrheit‘ ins Hintertreffen geraten – umso mehr, als womöglich Eliten an Universitäten und in den Medien Teil einer tyrannischen Mehrheit sind:

John Stuart Mill: Tyrannei der Mehrheit

„Der Wille des Volkes bedeutet überdies den Willen des zahlenmäßig stärksten oder des aktivsten Teiles des Volkes, der Mehrheit oder derjenigen, die mit Erfolg bemüht sind, als die Mehrheit anerkannt zu werden. Demzufolge kann das Volk das Verlangen haben, einen Teil seiner selbst zu unterdrücken, und Vorsichtsmaßregeln dagegen sind so notwendig wie gegen jeden anderen Mißbrauch der Macht. Die Begrenzung der Macht der Regierung über die Individuen verliert darum nichts von ihrer Bedeutung, wenn die Inhaber der Macht der Allgemeinheit verantwortlich sind, das heißt der stärksten Partei in ihr. Diese Sicht der Dinge, die sich der Einsicht der Denker in gleicher Weise empfiehlt wie der Neigung jener einflußreichen Klassen der europäischen Gesellschaft, deren wirklichen oder vermeintlichen Interessen die Demokratie zum Nachteil gereicht, hat sich ohne Schwierigkeiten durchsetzen können. Und in politischen Betrachtungen gehört die ‚Tyrannei der Mehrheit‘ nun allgemein zu den Übeln, vor denen die Gesellschaft auf der Hut sein muß.

Darum ist Schutz gegen die Tyrannei der Inhaber der hohen Staatsämter nicht genug: es bedarf des Schutzes auch gegen die Tyrannei der vorherrschenden Meinung und des vorherrschenden Gefühls; gegen die Tendenz der Gesellschaft, durch andere Mittel als bürgerliche Strafen ihre eigenen Ideen und Praktiken als Verhaltensregeln denen aufzuzwingen, die von ihnen abweichen, und die Entwicklung einer mit ihren Wegen nicht harmonisierenden Individualität in Fesseln zu legen, ja deren Entstehung wenn möglich zu verhindern, sowie alle Charaktere zu einer Bildung nach ihrem eigenen Muster zu zwingen. Es gibt eine Grenze für das legitime Eingreifen der kollektiven Meinung in die individuelle Unabhängigkeit. Und diese Grenze zu finden und gegen Übergriffe zu verteidigen, ist für einen guten Zustand der menschlichen Verhältnisse so unerläßlich wie Schutz gegen politischen Despotismus.“

John Stuart Mill: Über Freiheit (übers. v. Achim von Borries, Frankfurt 1969)

 

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