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Mein Leben nach dem „Rechtsruck“

Oder: der angeekelte Blick in das Loch - „da war ich mal drin?!“

„Für eine geistig offene und tolerante Welt. Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Gegen Extremismus und Gewalt.“

Das waren die ideologischen Grundsätze, die ich in meinem bisherigen Musikerleben in so ziemlich allen Künstlergruppen vorfand und auch jederzeit wieder selbst unterschreiben würde. Als der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 begann, ahnte ich noch nicht, wie schnell mein Weltbild sich wandeln, ja  ich an meiner kognitiven Wahrnehmung zweifeln würde.
Ich beschäftigte mich mit den Parteiprogrammen der wählbaren Parteien und stieß im Internet auf soviel Hass, Verurteilung, Vorwürfe und Verteufelung von (primär) links gegenüber der AfD, dass ich versuchte, die Gründe dafür zu verstehen. Aber von Antisemitismus über die Einschränkung von Frauenrechten bis hin zu Rassismus oder einer Demokratiegefährdung – ich konnte tatsächlich NICHTS Belastendes finden!! Als ich mich dann ein paar Mal öffentlich für Demokratie aussprach, auch gern für die direkte, wie die AfD das vorschlägt, begannen endlose Diskussionen auf Facebook darüber, dass man doch mit der braunen Suppe nichts zu tun haben wollen würde, gefolgt von quellenlosen, aus dem Zusammenhang gerissenen, falsch zitierten, angeblichen Parolen derselbigen.  Als ich in einem privaten Gespräch schließlich von einem Musiker aus einer Zigeunerfamilie zu hören bekam, jeder der die AfD unterstütze, sei aufgrund des dort auftauchenden Antiziganismus für ihn gestorben, da sein „Blut“ ihn dazu verpflichten würde, gegen diese Menschen vorzugehen, suchte ich also noch nach Antiziganismus im Parteiprogramm – und ratet, was ich fand… GENAU! NICHTS!! Ganz abgesehen davon, wie aufs Widerwärtigste rassisistisch diese Aussage war, basiert sie nebenbei auch noch auf unwahren Fakten. Jackpot für jeden, der Quellen und Argumente in einer gepflegten Diskussion mag. Echt.
Ich habe mich dann recht schnell darauf entschlossen, eine musikalische Pause einzulegen und mir die totalitären Bestrebungen der links-grün erleuchteten, moralisch überlegenen Sozialisten,   Musik nur mit meinungskonformen Musikern zu machen (natürlich gibt es genug andere gute Musiker, aber WARUM sollte die politische Ideologie oder die Information darüber,  welche politischen Parteien man bevorzugt, überhaupt eine Rolle spielen – gerade unter dem Gesichtspunkt, dass diejenigen mit dem größten Problem damit scheinbar deren Programm nicht mal ANgelesen haben?!) erstmal von außen anzuschauen.
Aufgrund des Aufwachsens im Jahrhundert nach dem Ende des letzten faschistischen Regimes in Deutschland und der dadurch begünstigten links-grünen Indoktrination durch die Schulen habe ich bis zu einem gewissen Grad Verständnis für die klassische „Nazis raus – refugees welcome, letztere können nämlich gar keine Nazis sein, wenn sie schwarz oder gar Angehörige der Religion des Friedens sind“-Mentalität. Aber die Grenze ziehe ich da, wo man die Blindheit auf dem linken Auge weiterhin freiwillig wählt, OBWOHL man ausführlich mit Fakten und Quellen (im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte) auf Komplikaktionen in der eigenen Argumentationskette hingewiesen wurde. Mit Beispielen, Sinnbildern, abstrakt, konkret, allgemein und speziell formuliert – diese Erklärungsversuche sind zermürbend, denn es folgt leider viel zu häufig ein „TROTZDEM! NAZIS RAUS!“ auf jedes mühsam obduzierte Argument.

Sollten unsere Kinder in der Schule nicht realitätsnah ohne Ideologiefilter lernen, dass der Neoliberalismus neben dem Konservativismus und dem Sozialismus zu den gängigen Strömungen einer Demokratie gehört, die faktisch allesamt denkbar, sagbar, diskutierbar und auch wählbar sind? Viele von denen, die das Gegenteil behaupten,  (#notall) benutzen gern „linke“ Tricks wie (am Gängigsten) die Nazikeule oder auch die Verzerrung von Daten und Fakten, um ihre eigene Ideologie mehr als die der anderen voranzubringen und vergessen darüber leider, dass faschistische Methoden wie Sprech- und Denkverbote vielleicht nicht perfekt geeignet sind, wenn man für Demokratie und Toleranz einstehen möchte. Und schon im Kindergarten lernen wir ja eigentlich, dass ein „Ich mag Dein Argument nicht, also lügst Du! Und Du stinkst!“ nicht zu den konstruktivsten Methoden gehört, eine Diskussion zu führen.

Aber einen offenen Geist in einer toleranten Welt kann man ja leider nicht erzwingen, wenn man gegen Gewalt ist.

Bildquellen

  • politcompass: Christian Dreschel
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